Julia Meyners ist User Experience Designerin mit 15 Jahren Erfahrung in der 360-Grad-Kommunikation von Museen. Mit dem VXD-Studio unterstützt sie Museen mithilfe von Design Thinking und KI-gestützten Technologien bei der Gestaltung eines publikumsorientierten Gesamterlebnisses. Für den MFG Newsletter Digitale Kultur gibt sie Tipps für die Arbeit mit Künstlicher Intelligenz in Museen und anderen Kultureinrichtungen.
Die Pressekonferenz zur neuen Sonderausstellung steht bevor, der Newsletter muss raus, auf Instagram warten Kommentare auf Antworten und die Texte für den neuen Familienflyer sollten eigentlich schon letzte Woche fertig sein. Gleichzeitig klingelt das Telefon: Eine Schulklasse möchte einen Workshop buchen. Museumsteams jonglieren zwischen Sammlungspflege und Social Media, zwischen wissenschaftlicher Forschung und barrierefreier Vermittlung, zwischen Ausstellungskonzeption und Antragsprosa. Die Aufgaben wachsen, die personellen und finanziellen Ressourcen oft leider nicht. Können in diesem Spannungsfeld zwischen Leidenschaft und Überlastung Tools wie ChatGPT, Gemini oder Claude unterstützen?
Was steckt hinter ChatGPT, Gemini, Claude & Co.?
Die Tools verstehen Kontexte, formulieren nuancierte Antworten und können kreative Vorschläge entwickeln. Dahinter steckt sogenannte Generative Künstliche Intelligenz. Diese kann menschliche Sprache verarbeiten und Gespräche simulieren, die verblüffend menschenähnlich wirken. Im Modelltraining hat sie unzählige Dokumente gesehen und gelernt, Muster und Zusammenhänge zu erkennen. Als generative - also schöpferische - KI kombiniert sie diese gelernten Muster neu. Sie erstellt Texte danach, welche Elemente in ähnlichen Kontexten wahrscheinlich zusammenpassen. Das, was uns bei der Nutzung staunen lässt, wird durch statistische Wahrscheinlichkeitsberechnungen kreiert. Generative KI ruft keine Informationen aus einer Datenbank ab. Das kann sie plausibel wirkende, jedoch faktisch falsche Ergebnisse erzeugen lassen. Aber das ist es auch, was sie verblüffend kreativ und vielseitig einsetzbar macht.
Einsatzfelder der KI im Museumsalltag
Diese Vielseitigkeit macht Generative KI zu einem wertvollen Arbeitstool im Museum mit seinen breit gefächerten Themen und Aufgaben:
1. Ideen finden, Konzepte entwickeln
Kreative Arbeit braucht vielfältige Impulse. KI-Tools können hier als Inspirationsquelle und Sparringpartner dienen: bei der Entwicklung neuer Veranstaltungsformate, der Ideenfindung für Social-Media-Inhalte oder der Konzeption von Workshops. Ein Beispiel: Das Team sucht nach innovativen Ideen für die Vermittlung der Dauerausstellung an Jugendliche. ChatGPT liefert in Sekundenschnelle zehn Vorschläge – von der digitalen Schnitzeljagd per App über ein Escape-Room-Format bis zum kollaborativen Podcast-Projekt. Nicht jede Idee passt, aber der kreative Funke springt über und die weitere Ausarbeitung beginnt.
2. Texte effizienter erstellen und gezielter anpassen
Ob Raumtexte, Website-Inhalte, Instagram-Captions oder Newsletter: Der redaktionelle Aufwand ist hoch und Inhalte müssen immer wieder auf unterschiedliche Zielgruppen und Kanäle abgestimmt werden. Hier unterstützt KI nicht nur bei der Formulierung, sondern vor allem bei der Anpassung und Variation von Texten. Ein einführender Katalogaufsatz kann so z. B. für Grundschulkinder umgeschrieben, für den Newsletter gekürzt oder für internationale Gäste auf Englisch übersetzt werden. Auch FAQs für die Website, Projektbeschreibungen für Kooperationen oder Posts für Instagram lassen sich effizient vorbereiten. Wichtig ist: Die KI liefert Vorlagen, keine finalen Texte. Die fachliche Prüfung, der Feinschliff, der persönliche Ton – das bleibt Aufgabe der Museumsmitarbeitenden.
3. Visuelle und analytische Unterstützung
Einige multimodale KI-Tools, wie auch ChatGPT, können mehr als Texte schreiben: Mit integrierter Bild-KI können Illustrationen und Visualisierungen generiert werden. Über die sogenannte Computer-Vision-Funktion lassen sich analoge Notizen transkribieren, Objekte beschreiben oder Alt-Texte für mehr Barrierefreiheit erstellen. Mithilfe integrierter Analysetools können die Nutzungsdaten der Website untersucht oder Muster im Feedback der Besuchenden erkannt werden.
Co-Kreation: Der Schlüssel zur effizienten KI-Nutzung
Also einfach ChatGPT öffnen, die Aufgabe in das Chatfenster tippen und zurücklehnen? Durch die Interaktion in natürlicher Sprache bedarf es für die Nutzung von ChatGPT & Co. zwar keinerlei Programmierkenntnisse, für einen mehrwertstiftenden, reflektierten und verantwortungsbewussten Umgang mit KI braucht es jedoch mehr.
Bevor es losgeht, heißt es – wie bei anderen alltäglichen Arbeitstools auch – sich mit den Datenschutzeinstellungen vertraut zu machen. Aber ebenso wichtig: sich Gedanken dazu machen, was eingegeben oder hochgeladen werden sollte und was auf keinen Fall – wie etwa personenbezogene oder sensible Daten.
Bei ersten Versuchen mit der KI tritt oft zunächst Enttäuschung auf. Der Output wirkt generisch, wenig hilfreich. Was bei der niedrigschwelligen Kommunikation via Chat übersehen werden kann: Die Qualität der KI-Ausgabe hängt entscheidend vom Input des Users ab – dem sogenannten Prompt. Bei der Formulierung der Anfragen an die KI zählen Klarheit und Präzision. Wer klare Aufgaben stellt, der KI eine Rolle zuweist (z. B. “Du bist Redakteurin in einem Stadtmuseum”), die Textform genau definiert und Spezialwissen mitgibt, erhält bessere Ergebnisse. Hier hilft es, sich den Prompt wie die Anweisung an ein sehr fähiges, aber noch unerfahrenes Teammitglied vorzustellen. Je konkreter der Arbeitsauftrag, desto eher wird der Output passen.
Ein Beispiel: “Du bist Fundraiserin im Museum xy. Erstelle einen kurzen, überzeugenden Text für eine Anfrage bei einer regionalen Stiftung, die sich für Bildungsgerechtigkeit einsetzt. Nutze als Grundlage folgenden Projekttext: […]” – eine solche präzise Aufgabenbeschreibung macht den Unterschied zwischen generischem Text und passgenauer Vorlage.
Dabei ist die Interaktion mit der KI ein iterativer Prozess. Wenn die KI eine Antwort generiert, die ungenau ist oder nicht den Vorstellungen entspricht, gilt es, in folgenden Prompts Feedback zu geben, eine andere Formulierung zu finden oder weitere Informationen mitzugeben. In einem Dialog mit Fragen und Rückfragen werden die Ergebnisse immer weiter verbessert und verfeinert.
Die KI ist kein Auto-Pilot, der selbstständig perfekte Resultate liefert, sondern Co-Pilot. Das Geheimnis erfolgreicher KI-Nutzung liegt also in der Ko-Kreation.
Warum menschliche Kontrolle unerlässlich bleibt
Die fachliche Kompetenz der Nutzenden ist nicht nur zentral, um die richtigen Anfragen zu formulieren, sondern auch, um den von der KI generierten Content kritisch einschätzen zu können. Generative KI funktioniert probabilistisch. Das heißt, sie kombiniert Wörter nach Wahrscheinlichkeit, nicht nach Wahrheit. Das kann zu sogenannten "Halluzinationen" führen, also zu plausibel klingenden, aber falschen Informationen. Ein sorgfältiger Faktencheck ist daher unerlässlich. Zudem können die Ergebnisse gesellschaftliche Verzerrungen – sogenannte Biases – aufweisen, da die Modelle mit Daten trainiert wurden, in denen sich Vorurteile widerspiegeln. Der Mensch bleibt als reflektierende Kontroll- und Entscheidungsinstanz unverzichtbar.
Mehr Zeit für das Wesentliche
Generative KI ist ein mächtiges Werkzeug, das klug eingesetzt werden will. Im ko-kreativen Zusammenspiel von menschlicher Expertise und maschineller Effizienz entstehen neue Möglichkeiten. Wer das Potenzial erkennt und sich Schritt für Schritt annähert, kann mit KI-Tools kreative Prozesse befeuern, Arbeitsaufwand reduzieren und neue Perspektiven eröffnen.
Die Technologie schafft Freiräume für das, wofür wir in der Museumsarbeit brennen: Menschen erreichen, Wissen vermitteln, Diskurse anstoßen.






