Über 400 Festivalpreise und eine ganz eigene Handschrift

Ausgezeichnete Serien, Musikvideos und Filme: Das Animationsstudio FILM BILDER aus Stuttgart behauptet sich seit Jahrzehnten international.

Mann mit Glatze und Jeansjacke schaut freundlich in die Kamera. Grafik mit gelber Flamme und Text "THE CREATIVE LÄND".
Thomas Meyer-Hermann. | © MFG Baden-Württemberg / Studio FILM BILDER
Gruppenbild in einem Studioraum.
Das Studio FILM BILDER-Team bei einer Weihnachtsfeier, die anlässlich der Serienproduktion "Fritzi & Sophie" unter dem Motto "Mauerfall" stand. | © Studio FILM BILDER
| Baden-Württemberg

Mit unserer Reihe HIER GEMACHT holen wir Hidden Champions der Kultur- und Kreativwirtschaft aus Baden-Württemberg ins Rampenlicht. Unternehmen und Personen, die im Land verwurzelt und weltweit gefragt sind – mit Ideen, die überraschen, verbinden und inspirieren. In dieser Ausgabe sprechen wir mit Thomas Meyer-Hermann, Gründer des Animationsstudios FILM BILDER aus Stuttgart. Er beantwortet, wie der Animationsstandort Baden-Württemberg entstand, wo aktuelle Herausforderungen liegen und was das Unternehmen für die Zukunft plant.

Wenn am Stuttgarter Schlossplatz bald wieder eine große Leinwand für Trickfilme aufgebaut wird, ist es soweit: Das ITFS Internationale Trickfilmfestival verwandelt die Stadt Anfang Mai in den place to be der internationalen Animationsbranche. Parallel werden bei der FMX Film and Media Exchange im Haus der Wirtschaft die neuesten Entwicklungen in Animation, Visual Effects und digitalen Medien diskutiert – initiiert wurde sie von der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg mit ihrem renommierten Animationsinstitut. Dabei wird schnell vergessen: Dieser Animationshub ist eine relativ neue Entwicklung im Land.  

Als Thomas Meyer-Hermann 1989 mit einem Team von sieben Kolleg*innen das Studio FILM BILDER im Kübler-Areal gründete, gab es noch keine Animationsszene in Stuttgart. „Ich wollte nach dem Studium hier eigentlich nach London gehen, das war damals ein heißer Standort für Animation“, erinnert er sich. Er blieb – wegen eines Lehrauftrags an der Kunstakademie Stuttgart und wegen der Studiogründung. „Das war nur mit Menschen möglich, die hier lebten“, sagt er. Unter Professor Albrecht Ade habe er an der Kunstakademie zu den ersten Personen gehört, die in der Region mit Trickfilm experimentierten. Über dieselbe Trickfilmklasse lernte er die Personen kennen, die das erste Studioteam bildeten. Aus den Aktivitäten von Professor Ade und seiner Klasse entstand auch das ITFS.

„Ich bin froh, dass der Standort sich hier so toll entwickelt hat.“

„Das war fast schicksalhaft, weil ich eigentlich schon immer Trickfilmer werden wollte, dann als Kompromiss aber erst einmal ein Grafikdesign-Studium an der Kunstakademie begann, wo sich später der Schwerpunkt Trickfilm herausbildete“, erinnert sich Thomas Meyer-Hermann. „Die Branche war damals noch total einseitig; alle haben versucht, den Disney-Stil zu kopieren. Aber wir wollten unser eigenes Ding machen. Wir waren so ziemlich das erste deutsche Studio mit einer eigenen Filmsprache und zeitgenössischem Design.“ Aufgrund der damals neu gegründeten Filmakademie, des noch jungen ITFS und der zunehmenden Unterstützungsmöglichkeiten der MFG Baden-Württemberg hatte er das Gefühl: Hier entsteht eine lebendige Branche. „Ich bin froh, dass der Standort sich hier so toll entwickelt hat“, sagt er heute. 

Großer Umbruch in den 90ern: Vom Musikvideo zum Kinderfilm

Ähnlich erfolgreich entwickelte sich das Studio FILM BILDER. In den 90er-Jahren lebte das Unternehmen vor allem von Musikvideos, hinzu kamen Miniserien oder Titelsequenzen fürs Fernsehen. „Freundeskreis, Die Toten Hosen, Gigi D’Agostino: Es war ein gutes Geschäft“, sagt Thomas Meyer-Hermann. „Wir hatten schöne Budgets und konnten uns selbst verwirklichen.“ Dann brach das Musikfernsehen weg und die Labels konnten sich die Animationen nicht mehr leisten – ein Branchenbeben, das das Studio zum Glück gut überstand. 

„Wir hatten immer auch andere Projekte“, erzählt Thomas Meyer-Hermann. Zum Beispiel die deutsche Version der MTV Show „Celebrity Death Match“. Zudem gab es bereits in den 90er-Jahren erste Ansätze für die Umsetzung von Projekten für Kinder. „Tom & das Erdbeermarmeladenbrot mit Honig war unsere erste eigene große Serie“, so Meyer-Hermann. „Andreas Hykade (u.a. früherer Leiter des Animationsinstituts der Filmakademie Baden-Württemberg, Anm. d. Red.) zeichnete die Figur Tom – das hat mir Spaß gemacht, dass er Geschichten mit meinem Gesicht entwickelt. Es lag nahe, daraus einen interaktiven Film für die Studio-Promotion zu machen, der dann von der MFG gefördert wurde.“ 

Filme international und auf YouTube sehr erfolgreich

Peu à peu sei daraus mehr entstanden und bald machte das Studio vier kurze Filme, die in der Sendung mit der Maus liefen; es folgten 52 Episoden für SWR und KiKA. Danach kamen „Meine Schmusedecke“, die „Animanimals“, später „Lenas Hof“. „Heute leben wir vom Trickfilm für Kinder“, sagt Thomas Meyer-Hermann. Die Produktionen des Studios erhielten auf internationalen Filmfestivals insgesamt über 400 Preise, die Filme funktionieren also auch außerhalb Deutschlands gut und erhielten auf diesem Wege Sichtbarkeit. Eine späte Genugtuung sei zudem der Erfolg des YouTube-Kanals Filmbilder & Friends mit fast zwei Millionen Abonnent*innen. „Das freut mich, weil Fernsehsender oft gesagt haben, dass niemand Kurzfilme sehen möchte.“

Organisatorisch besteht Studio FILM BILDER weiterhin aus einem kleinen Kernteam: Produktion, Herstellungsleitung, Buchhaltung und Assistenz sind fest angestellt, alles andere wird projektbezogen mit freien Mitarbeiter*innen umgesetzt. Ein zentrales Prinzip seien Autor*innen-Projekte: Buch, Regie und Gestaltung kommen aus einer Hand. „Je nach Serie arbeiten dann zeitweise mehrere Dutzend Menschen an der Realisierung“, sagt Thomas Meyer-Hermann. „Unsere Aufgabe ist es, diese Teams zusammenzustellen, die Finanzierung zu sichern und trotz knapper Budgets faire Arbeitsbedingungen zu ermöglichen.“

Branche unter Druck

Eine verlässliche Finanzierung sei aktuell herausfordernd. „Die Branche steht unter Druck“, sagt Meyer-Hermann. Weder das klassische Fernsehen noch Streamingplattformen trügen verlässlich zur Finanzierung anspruchsvoller Animationsprojekte bei. Andere Länder hätten teils bessere politische Rahmenbedingungen. „Die Akzeptanz für Trickfilme ist hier nicht so hoch und das deutsche Fernsehen bevorzugt deutsche Studios nicht, während internationale Partner in ihren Ländern oft bevorzugt beauftragt werden.“ 

KI nutzen statt verteufeln – aber bedacht

Auch technologisch verändere sich vieles, insbesondere durch KI. „Wir setzen KI bereits ein“, sagt Thomas Meyer-Hermann. „Man kann sich dem nicht verschließen. Vielmehr müssen wir die Technik nutzbar für uns machen. Dann sehe ich es auch als Vorteil, zum Beispiel wenn sie bestimmte Vorgänge im Produktionsprozess beschleunigt.“ Allerdings müsste die Branche eine Haltung dazu entwickeln, wo und wie KI eingesetzt werden sollte, und Antworten auf rechtliche und moralische Aspekte finden, besonders beim Thema kreatives Urheberrecht. 

Trotz der Herausforderungen fühlt sich Meyer-Hermann wohl am Standort Stuttgart. „Ich glaube, dass wir international als Studio mithalten können und viele schöne Projekte umgesetzt haben.“ Früher sei es eine Option gewesen, ins Ausland zu gehen, heutzutage könne er sich nicht mehr vorstellen, aus Baden-Württemberg wegzugehen.

„Deine Flecken“ soll erster Langfilm für Erwachsene werden

Was er sich in der deutschen Animationslandschaft noch wünscht: eine größere Akzeptanz für den Erwachsenen-Trickfilm. „Kinderanimation lässt sich deutlich leichter finanzieren, während erwachsene Stoffe oft skeptisch betrachtet werden“, berichtet er. Deswegen gibt er solche Projekte aber nicht auf. Mit „Deine Flecken“ arbeite das Studio derzeit erstmals konkret an einem Langfilm für ein erwachsenes Publikum. „Das Projekt ist über viele Jahre gewachsen, gemeinsam mit dem Autor Daniel Nocke. Wir haben dafür unter anderem den Thomas-Strittmatter-Preis gewonnen, MFG-Förderung und europäische Förderungen erhalten. Wir befinden uns mitten in der Finanzierung.“ Es gebe ein ausgearbeitetes animiertes Storyboard, Figuren und Sets – „und somit eigentlich keinen Weg mehr zurück“.

Eine animierte Gazelle und ein animierter Löwe stehen sich gegenüber und blicken sich in die Augen.
"Deine Flecken" soll der erste Langfilm für Erwachsene des Studios werden.

Neben dem Langfilmprojekt befinden sich zwei neue Kinderserien in der Entwicklung, die das Studio unbedingt realisieren möchte. „Und vielleicht entsteht auch noch einmal ein abendfüllender Kinderfilm – nicht zuletzt, weil er sich einfacher finanzieren lässt und trotzdem künstlerisch spannend sein kann.“ Grundsätzlich wolle das Studio weiter Geschichten erzählen, die aus einer klaren Haltung heraus entstehen. 

Eine Liebeserklärung an den Kurzfilm

„Persönlich bin ich nach wie vor ein großer Fan von Kurzfilmen“, sagt Thomas Meyer-Hermann auf die Frage, was er selbst gerne ansehe. Wenn er die Chance habe, wolle er das ITFS nutzen, um neue Produktionen zu entdecken. „Es sind immer wieder großartige Entdeckungen dabei“, sagt er. „Leute, die eine ganz eigene Sprache und einen eigenen Ansatz, etwas über die Welt zu erzählen, gefunden haben.“ 

Quelle: MFG Baden-Württemberg / Autorin: Vlora Kleeb
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