Mit unserer Reihe HIER GEMACHT holen wir Hidden Champions der Kultur- und Kreativwirtschaft aus Baden-Württemberg ins Rampenlicht. Unternehmen und Personen, die im Land verwurzelt und weltweit gefragt sind – mit Ideen, die überraschen, verbinden und inspirieren.
Valentina Teinitzer De Pasquale gestaltet einzigartige Inszenierungen aus lebendigen Pflanzen und Naturmaterialien. Seit sie 2020 das Studio de Pasquale in Stuttgart gegründet hat, stellt sie florale Skulpturen auf großen internationalen Kunstausstellungen aus und arbeitet für bekannte Marken wie unter anderem Porsche, Chanel oder Weleda. Im Gespräch erklärt die Gründerin und Künstlerin, wie sie die Schnittstelle zwischen Kunst und Markenkommunikation navigiert, wie sie das neue Berufsfeld florale Kunst erobert hat und warum Stuttgart der passende Standort für ihr Studio ist.
Sie arbeiten mit pflanzlichen, lebendigen Materialien, die sich ständig verändern. Wie beeinflusst das Ihre Arbeit?
Die Vergänglichkeit ist ein entscheidender Punkt für jede Arbeit. Ich überlege zuerst, wie lange meine Skulptur halten soll – nur für ein kurzes Event, ein Shooting oder dauerhaft? Dann wähle ich die Materialien dementsprechend aus. Diese Entscheidung prägt den gesamten kreativen Prozess.
Warum haben Sie sich für so ein anspruchsvolles Material entschieden?
Blumen haben mich schon in meiner Kindheit fasziniert. Ich war viel draußen unterwegs, habe Pflanzen gesammelt und mich damit kreativ ausgelebt. Damit habe ich mir einen Ruhepol geschaffen. Nach dem Abitur wollte ich eigentlich Floristin werden, habe mich dann aber doch anders entschieden und bin in einem Konzern gelandet. Weil mir das nicht gut tat, habe ich mich wieder mehr mit Blumen beschäftigt.
Wie wurde aus Ihrer Leidenschaft ein Beruf?
Während Corona war ich in Kurzarbeit. Dadurch konnte ich mich mehr mit dem Thema beschäftigen, Sträuße binden und Aufträge ausführen. Auf einmal hatte ich 30-50 Bestellungen jedes Wochenende. Ich habe dann beschlossen, ein Unternehmen zu gründen, wollte aber mehr machen als klassische Floristik. Ich will florale Welten erschaffen.
Es gibt nicht viele floral artists, die ähnlich arbeiten – wie sah Ihre Anfangszeit im Studio de Pasquale aus?
Die ersten zwei Jahre waren herausfordernd, da während Corona kaum Veranstaltungen stattfanden. Ich habe sehr viel Kaltakquise und Netzwerkarbeit betrieben, mich an Marken, Agenturen und Fotografen gewandt. Es war ein Fluch und ein Segen zugleich, dass das Feld so unbekannt ist. Bei meinem ersten Job habe ich einen Dschungel in einer Gindistillerie im Schwarzwald, Monkey 47, gebaut. So habe ich Schritt für Schritt angefangen, aber für mich war klar, dass ich für große Marken und Kampagnen arbeiten will, um komplette florale Landschaften und Installationen zu erstellen.
Damit waren Sie schnell international erfolgreich.
Ich wurde 2023 auf die Biennale in Florenz eingeladen. Dafür habe ich dort eine eigens entwickelte Installation gebaut, die aus 600 Künstlern mit dem 3. Preis für Installationskunst ausgezeichnet wurde. Das hat mich sehr in dem Gedanken bestärkt, mehr in Richtung Kunst zu gehen. Davor war ich mir unsicher, wie meine Skulpturen ankommen würden, weil das Feld florale Kunst selbst international noch ein sehr neues Feld ist. Ich wurde dann auf die World Art Show in Dubai eingeladen und kam mit jemandem in Kontakt, der mich auf die Art Miami eingeladen hat. Innerhalb kürzester Zeit haben sich so drei riesige internationale Ausstellungen und mein „Signature Stil“ mit meinen riesigen, hängenden floralen Skulpturen ergeben.
Wie wurden Ihre Kunstwerke aufgenommen?
Meine Skulpturen sind sehr komplex und schwierig aufzuhängen, aber auf jeder der Ausstellungen waren sie ein Eyecatcher. Die Leute waren wie gebannt, weil diese emotionale Bindung zur Natur und zur Blume so stark ist. Es war extrem bereichernd das Feedback auf den Ausstellungen zu bekommen. Deswegen wollte ich Kunst auch mehr in den kommerziellen Bereich bringen. Ich habe das Gefühl, dadurch ist es auch für jüngere Menschen einfacher, eine Kunstform zu verstehen, sich damit auseinanderzusetzen oder überhaupt erst in Kontakt damit zu kommen.
Inwiefern?
Wenn sie auf einer Veranstaltung sind oder eine faszinierende Social-Media-Werbung bekommen, ist das einfacher, als wenn sie von sich aus erst einmal in ein Museum oder eine Galerie müssten. Der Gedanke, Kunst immersiv und zugänglich zu machen, war für mich total überzeugend. Seitdem bin ich sehr dahinter und finde es schön, Kunst in den kommerziellen Raum zu bringen.
Kunst und Kommerz sind für Sie also kein Gegensatz?
Es stimmt natürlich schon, dass es unterschiedliche Aufbereitungen gibt, aber den Kern der Werke kann ich auch in einem kommerziellen Rahmen erlebbar machen, besonders für eine große Masse. Wichtig ist, dass die Werke emotionale Eindrücke hinterlassen.
Wie gelingt es Ihnen dabei, Ihre eigene künstlerische Sprache mit den Zielen einer Marke zu verbinden?
Das ist immer ein großer Balanceakt. Ich bringe meine künstlerische Vision ein, gleichzeitig muss meine Arbeit die Werte und Botschaften der Marke transportieren. Meistens funktioniert das sehr gut, weil die Brands mich anfragen, da ihnen mein Stil gefällt. Trotzdem gibt es manchmal Unstimmigkeiten bei der Farbe oder Saisonalität der Pflanzen. Manchmal finden wir dann zusammen, ansonsten muss ich als Auftragnehmerin denken und mich anpassen oder den Auftrag ablehnen. Deswegen ist es für mich auch sehr wichtig, dass ich in Kunstaustellungen meinen Freiraum habe und von Anfang bis Ende meine Vision verwirklichen kann. Beide Welten sind mir wichtig und manchmal ermöglichen kommerzielle Aufträge meine Kunst überhaupt erst.
Sie kommen aus Oberfranken. Warum ist Stuttgart der richtige Standort für Ihr Studio?
Ich habe meinen Master in Stuttgart gemacht und ein starkes Netzwerk aufgebaut. Freunde, kreative Partner und Handwerker unterstützen mich hier. Ich nehme die Kreativszene hier als sehr offen und verlässlich wahr. In Stuttgart kannst du mit einer Idee ankommen, Leute begeistern und dann wird sie auch umgesetzt, weil Menschen an einen glauben. Außerdem habe ich hier ein Händlernetzwerk. Ich habe ganz klein angefangen, auf dem Großmarkt Blumen für 50 Euro eingekauft und wurde dort herzlich bedient. Heute bin ich dort die beste Kundin – immer noch bei den gleichen Menschen, die damals meine Wünsche umgesetzt und mein Potenzial erkannt hatten.
Wie wichtig sind lokale Partner, Handwerker und Materialien für Ihre Projekte?
Essenziell. Ich habe bereits viel international gearbeitet und nie so verlässliche und engagierte Partner gefunden, wie in Stuttgart. Das trifft nicht nur auf Händler zu, sondern auch auf Schlosser, Schreiner, Designer und andere Dienstleister, die ich brauche, um meine Skulpturen statisch gut zu bauen.
Was wünschen Sie sich für die Kreativbranche in Baden-Württemberg?
Dass es mehr Orte gibt, die leicht zugänglich sind, zum Beispiel Lagerhallen, in denen ich auch meine großen Skulpturen temporär unterbringen könnte. Spaces, an denen wir zusammenkommen und kreieren können. Dafür ist Kunstförderung so wichtig.
Welche Visionen haben Sie für die Zukunft Ihres Studios?
Ich möchte eine immersive Solo-Ausstellung schaffen, in denen Besucher vollständig in florale Welten eintauchen können. Vom 19. September bis 17. Oktober ist meine erste Solo-Show „Soft Construct“ in der Galerie PARRI BLANK zu sehen. Im Zentrum steht eine raumgreifende Installation aus bis zu 3,5 Meter hohen, geschwungenen Skulpturen aus Olivenzweigen.
Gleichzeitig plane ich, noch internationaler zu arbeiten, unterschiedliche kulturelle Einflüsse zu kombinieren und neue Materialien zu integrieren. Ich will florale Kunst in die Welt tragen und von anderen Orten lernen.

























